Selbstbewusstsein – immer gut? Oder gibt es auch Grenzen?
Viele von uns wünschen sich ein erfülltes Leben in Harmonie, mit guten Beziehungen zu anderen – und zu uns selbst. Ein erster Schritt dahin ist die Selbstannahme: sich selbst mit Stärken und Schwächen akzeptieren. Die Liebe zu sich selbst, ohne in Egozentrik zu verfallen, ist die eigentliche Königsklasse.
Weiterlesen: Stolperfallen der PersönlichkeitsentwicklungDoch bevor Selbstannahme gelingt, braucht es ehrliche Selbstkenntnis: zu erkennen, was an einem selbst stark ist, was man verändern möchte – und auch, was man vielleicht gar nicht mag. Annehmen heißt nicht, alles so zu lassen, wie es ist. Es bedeutet, Ja zu sagen zu allen Facetten – und dann bewusst zu entscheiden, was bleiben darf und was man verändern möchte, um in guten Beziehungen leben zu können.
Person und Verhalten – zwei Ebenen
In diesem Zusammenhang gibt es eine grundlegende Annahme: 𝗗𝗶𝗲 𝗣𝗲𝗿𝘀𝗼𝗻 𝗶𝘀𝘁 𝗶𝗺𝗺𝗲𝗿 𝗶𝗻 𝗢𝗿𝗱𝗻𝘂𝗻𝗴 – 𝗶𝗵𝗿 𝗩𝗲𝗿𝗵𝗮𝗹𝘁𝗲𝗻 𝗻𝗶𝗰𝗵𝘁 𝘇𝘄𝗶𝗻𝗴𝗲𝗻𝗱.
Als ich das erste Mal davon hörte, nahm ich es einfach so hin. Ich bezog es zunächst auf andere: Menschen, die etwas getan hatten, das für mich nicht in Ordnung war. Dieses Verständnis half mir beim Verzeihen – weil ich erkannte: Sie handelten damals nach bestem Können, sonst hätten sie es anders gemacht.
Nach und nach habe ich das Prinzip auch auf mich selbst angewandt. Das half mir, mit meiner Vergangenheit Frieden zu schließen. Auch ich war als Person in Ordnung – auch wenn nicht jedes Verhalten in Ordnung war. Ich tat damals das Beste, was mir möglich war. Und ich habe gelernt: Auch wenn nicht jedes Verhalten in Ordnung war, kann ich daraus für die Zukunft lernen.
Heute ist dieses Verständnis für mich eine Grundlage für gleichwertige Beziehungen und echte Versöhnung – und ich vermittle es auch in meiner Praxis.
Wann Selbstbewusstsein kippt
𝗦𝗲𝗹𝗯𝘀𝘁𝗯𝗲𝘄𝘂𝘀𝘀𝘁𝘀𝗲𝗶𝗻 𝗶𝘀𝘁 𝗲𝗶𝗻𝗲 𝘄𝗶𝗰𝗵𝘁𝗶𝗴𝗲 𝗕𝗮𝘀𝗶𝘀 𝗳ü𝗿 𝗲𝗶𝗻 𝗵𝗮𝗿𝗺𝗼𝗻𝗶𝘀𝗰𝗵𝗲𝘀 𝗟𝗲𝗯𝗲𝗻.
Es ist ein großartiger Moment, wenn man voller Überzeugung sagen kann: „Ich bin in Ordnung so wie ich bin.“
Doch hier lauert eine Gefahr: wenn aus „Ich bin in Ordnung“ ein „𝗜𝗰𝗵 𝗯𝗶𝗻 𝗶𝗻 𝗢𝗿𝗱𝗻𝘂𝗻𝗴 – 𝘂𝗻𝗱 𝗣𝘂𝗻𝗸𝘁!“ wird. Dann besteht das Risiko, auch das eigene Verhalten unreflektiert immer als richtig zu betrachten – ohne es zu hinterfragen.
Spätestens dann wird es kritisch: Beziehungen auf Augenhöhe geraten in Gefahr. Wer sein Verhalten nicht mehr prüfen will, läuft Gefahr, wie ein Rammbock durchs Leben zu gehen – und wundert sich, wenn er auf Widerstand stößt.
Die andere Seite der Medaille
Auch das Gegenteil kann zur Stolperfalle werden: 𝗲𝗶𝗻 𝘇𝘂 𝘀𝘁𝗮𝗿𝗸𝗲𝘀 𝗥𝗲𝗳𝗹𝗲𝗸𝘁𝗶𝗲𝗿𝗲𝗻, ein ständiges Hinterfragen von allem, was man tut. Viele, die sich mit dem Thema Selbstbewusstsein oder Selbstliebe beschäftigen, kommen genau aus dieser Falle – sie war oft der Auslöser, sich überhaupt intensiver mit sich selbst auseinanderzusetzen.
Wie so oft im Leben liegt die Wahrheit in der Mitte: 𝗘𝘀 𝗯𝗿𝗮𝘂𝗰𝗵𝘁 𝗲𝗶𝗻𝗲 𝗴𝗲𝘀𝘂𝗻𝗱𝗲 𝗕𝗮𝗹𝗮𝗻𝗰𝗲 𝘇𝘄𝗶𝘀𝗰𝗵𝗲𝗻 𝗔𝗻𝗻𝗮𝗵𝗺𝗲 𝘂𝗻𝗱 𝗥𝗲𝗳𝗹𝗲𝗸𝘁𝗶𝗼𝗻.
Fazit
Sich selbst anzuerkennen ist ein entscheidender Schritt zur Selbstliebe. Stärken dürfen wachsen, ungeliebte Seiten dürfen sich verändern. Genauso wichtig ist es jedoch, das eigene Verhalten von Zeit zu Zeit in einem gesunden Maß zu hinterfragen – auch wenn das unbequem sein kann.
Denn 𝗲𝗰𝗵𝘁𝗲 𝗦𝗲𝗹𝗯𝘀𝘁𝗹𝗶𝗲𝗯𝗲 𝘇𝗲𝗶𝗴𝘁 𝘀𝗶𝗰𝗵 𝗻𝗶𝗰𝗵𝘁 𝗻𝘂𝗿 𝗶𝗻 𝗱𝗲𝗿 𝗔𝗻𝗻𝗮𝗵𝗺𝗲, 𝘀𝗼𝗻𝗱𝗲𝗿𝗻 𝗮𝘂𝗰𝗵 𝗶𝗻 𝗱𝗲𝗿 𝗕𝗲𝗿𝗲𝗶𝘁𝘀𝗰𝗵𝗮𝗳𝘁 𝘇𝘂𝗿 𝗦𝗲𝗹𝗯𝘀𝘁𝗿𝗲𝗳𝗹𝗲𝗸𝘁𝗶𝗼𝗻.
Das erfordert Mut und Ehrlichkeit – doch es lohnt sich, weil es die Tür öffnet zu erfüllten Beziehungen und einem wirklich stimmigen Leben.